Kein Arzt möchte Patienten im Siechtum aus dem Krankenhaus entlassen. Aber zu Beginn einer akuten Erkrankung (Herzinfarkt, Schlaganfall, Schenkelhalsbruch) ist fast immer eine Chance auf Ausheilung oder wesentliche Besserung vorhanden. Auch intensive Behandlung kann sich lohnen und mit Jahren des selbstbestimmten Lebens belohnt werden.

Risiko Siechtum

Das schlimmste vorstellbare für die eigene Zukunft ist Siechtum. Siechtum ist nicht gleich Siechtum:

Zumeist Bettlägerigkeit, chronischer Schmerz an Wirbelsäule und Gelenken, eingeschränkte Selbstversorgung (Hygiene, Wasserlassen, Stuhlgang, Bekleiden, Essen, Trinken, Haushaltsführung), Abhängigkeit von anderen.

Noch vor einigen Generationen waren die betroffenen die Stars der Familie, auch wenn es zumeist „nur“ Großeltern und keine Urgroßeltern waren.

Da kamen dann die Enkel ans Bett, jeder brachte etwas mit, der eine ein Gänseblümchen, die nächste ein Stück Schokolade. Alle wußten, da im Bett liegt die Chefin/der Chef der Familie, auf die/den alle stolz waren.

Heute leiden die Kinder der Siechen am Burnout und wohnen zumeist weit weg. Eine schlimme Situation, niemand, mit dem man tief verbunden ist, befindet sich in der Nähe. Ist er/sie trotzdem einmal da, dann kommt der Alltag mit, er/sie kann sich nicht völlig öffnen, der Kopf ist zu voll. Und die Enkel/Urenkel haben nie längere Zeit bei den Großeltern/Urgroßeltern verbracht, keine vernünftige Bindung aufbauen können.

Die Familie hat extrem am Bedeutung verloren, zum Nachteil der Senioren und der jüngsten Familienmitglieder.

So ist ein siecher Mensch ein einsamer Mensch, der sein Selbstwertgefühl meist verloren hat, auch seine Hoffnungen, daß Beschwerden besser werden könnten oder die Familie näher zusammenrücken könnte. Oft genug kommt sogar noch die Sorge um die Stabilität der Ehe der eigenen Kinder hinzu. Das letztere quält sehr, denn die eigenen Enkel sind betroffen!

Es bleibt dann Schmerz, auch Wahrnehmungen, die einem Tode vorausgehen können (Angst, Brustschmerz, Luftnot).
Hilflosigkeit, eingeschränkte Kommunikation (Sehen, Hören, Riechen, Fühlen). Der/die betroffene muß zudem damit klarkommen, für die Familie unwichtig geworden zu sein. Für das direkte Umfeld ist er/sie eigentlich nur eine Belastung.

Der Wunsch auf ein Lebensende wird auch bei einem völlig mental gesundem Menschen immer nachvollziehbarer.
Der Alltag wird immer schwerer zu ertragen, die Kräfte dazu werden jeden Tag weniger.
Und dann kommt der Punkt, an dem die noch verbliebenen Kräfte kleiner sind, als die Lasten des kommenden Tages. Dann ist es Zeit zu gehen.

Dann sollte es, falls irgend möglich, nicht das einsame Sterben im Krankenhaus sein, die Nähe der Familie, alle (auch kleinen) Kinder eingeschlossen, ist sehr, sehr wichtig. Sie haben womöglich Bedenken wegen der kleinen Kinder? Ich nicht. Denn gerade wenn die am Lebensende sind, dann wird Ihnen die Geborgenheit des Todes bei den eigenen Groß/Urgroßeltern den Weg erleichtern.